
Member Content
Es gibt Aufgaben in jedem Unternehmen, die niemand auf die Prioritätenliste setzt, weil sie einzeln betrachtet nur drei Minuten dauern. Rechnung reinbekommen, PDF öffnen, zuordnen, ablegen, zahlen. Kein Geschäftsführer setzt sich morgens hin und sagt: "Heute optimiere ich unseren Belegprozess." Und genau das ist das Problem.
Wir betreiben drei Gesellschaften. Die Rechnungen kommen über verschiedene E-Mail-Verteiler rein, werden weitergeleitet, landen in Postfächern von Leuten, die gar nicht dafür zuständig sind. Die Zuordnung - gehört diese Rechnung zur Holding, zum operativen Geschäft oder zur Academy? - passierte monatelang in meinem Kopf. Nicht weil wir kein System wollten, sondern weil das manuelle Vorgehen bei zehn Rechnungen im Monat schneller war als jedes System aufzusetzen. Bis es keine zehn mehr waren.
Das Problem mit manuellen Prozessen ist nicht, dass sie langsam sind. Sondern dass sie still scheitern. Keine Rechnung geht dramatisch verloren. Stattdessen wird eine zwei Wochen zu spät bezahlt. Eine andere wird doppelt erfasst. Eine dritte liegt in einem Postfach, von dem niemand weiß, dass sie dort liegt. Und am Quartalsende sitzt du mit deinem Steuerberater zusammen und rekonstruierst, was eigentlich passiert ist.
Für jedes KMU, das über eine Gesellschaft hinauswächst - sei es durch eine Holding-Struktur, eine Tochterfirma oder einfach durch getrennte Geschäftsbereiche - wird dieser Punkt kommen. Die Frage ist nicht ob, sondern ob man vorbereitet ist, wenn er kommt.
Unsere Lösung besteht aus vier Bausteinen, die aufeinander aufbauen. Keiner davon ist komplex. Keiner erfordert teure Software. Und keiner hat einen Tag gebraucht, um ihn aufzusetzen.
Automatische Erkennung. Ein Script durchsucht eingehende E-Mails nach Rechnungen und extrahiert die PDF-Anhänge in einen zentralen Ordner. Das funktioniert auch bei weitergeleiteten Mails. Wenn ein Teamleiter eine Tool-Rechnung weiterleitet, landet sie im selben Prozess wie eine, die direkt eingeht. Kein "Hast du die Rechnung schon weitergeleitet?" mehr.
KI-gestützte Zuordnung. Ein KI-Agent scannt die PDFs per OCR und ordnet jede Rechnung der richtigen Gesellschaft zu. Das ist der Schritt, der vorher das meiste Kontextwissen erfordert hat - und der am schlechtesten skaliert, wenn dieses Wissen nur im Kopf einer Person existiert. Jetzt macht es ein Algorithmus, der konsistenter arbeitet als jeder Mensch um 17 Uhr an einem Freitag.
Menschliche Kontrolle. Die Buchhaltung übernimmt ab dem Punkt, an dem alles vorsortiert ist. Keine Recherche mehr, nur noch Validierung. Der Unterschied klingt klein, halbiert aber den Zeitaufwand pro Beleg.
Zentrales Tracking. Ein System, das Angebote und Rechnungen miteinander verknüpft. Farbcodierung zeigt sofort, wo Handlungsbedarf besteht. Zahlungsziele werden automatisch überwacht. Und am Ende des Monats generiert das System die internen Abrechnungen für jede Geschäftseinheit - ohne dass jemand eine weitere Tabelle pflegen muss.
Die meisten Geschäftsführer, mit denen ich spreche, haben eines gemeinsam: Sie wissen, dass ihre internen Prozesse nicht optimal laufen. Aber der Aufwand, sie zu verbessern, steht in keinem Verhältnis zum wahrgenommenen Nutzen. Warum ein System aufsetzen, wenn ich die Rechnung auch in drei Minuten selbst zuordnen kann?
Die ehrliche Antwort ist: Weil es nie bei den drei Minuten bleibt. Es sind drei Minuten für die Zuordnung, plus fünf Minuten für die Rückfrage, welche Gesellschaft gemeint ist, plus zehn Minuten am Monatsende, um die fehlende Rechnung zu suchen, plus eine Stunde mit dem Steuerberater, um die Lücken zu füllen. Und das für viele einzelne Rechnung, die nicht beim ersten Mal am richtigen Ort landet.
Drei Dinge haben wir dabei gelernt, die über Buchhaltung hinausgehen:
Automatisiere, bevor es brennt. Der richtige Zeitpunkt, einen Prozess zu automatisieren, ist nicht wenn er zusammenbricht, sondern wenn du siehst, dass er in drei Monaten zusammenbrechen wird. Wir haben bei 15 Rechnungen im Monat automatisiert, nicht bei 50. Und genau deshalb war es ein ruhiger Nachmittag und kein Krisenprojekt.
Externalisiere Kopfwissen. Jede Zuordnung, die nur der Geschäftsführer machen kann, ist ein Flaschenhals. Nicht weil der Geschäftsführer keine Zeit hat, sondern weil das Unternehmen von seiner Verfügbarkeit abhängt. Wenn du im Urlaub bist und eine Rechnung reinkommt, die nur du zuordnen kannst - dann ist nicht die Rechnung das Problem, sondern die Abhängigkeit.
Transparenz entsteht nicht durch Reporting, sondern durch Struktur. Seit wir das Tracking-System haben, können unsere Geschäftsbereichsleiter zum ersten Mal selbst sehen, welche Angebote draußen sind und wie der Zahlungsstatus aussieht. Niemand hat vorher aktiv Informationen zurückgehalten. Es gab einfach keinen Ort, an dem sie zusammenliefen. Das System hat diesen Ort geschaffen - als Nebenprodukt, nicht als Hauptziel.
Kein externes Tool. Keine monatliche Lizenz. Google Apps Script, ein Langdock KI-Agent für die Klassifizierung, eine strukturierte Tabelle für das Tracking. Gesamtkosten: ein halber Arbeitstag für das Setup, minimaler Wartungsaufwand danach.
Was es nicht kann: Rechnungen erkennen, die als reine E-Mail-Bestätigung kommen, ohne PDF-Anhang. Die direkte Anbindung an unsere Bank läuft noch manuell. Und es ersetzt keinen Steuerberater - es macht seine Arbeit nur einfacher, weil die Daten sauber ankommen.
Für uns war das der richtige Ansatz: Nicht das perfekte System, sondern das System, das den nächsten Engpass löst. Mit den Mitteln, die bereits vorhanden sind. In der Zeit, die ein Geschäftsführer realistisch dafür aufwenden kann.
Denn am Ende entscheidet nicht die Buchhaltung über den Erfolg eines Unternehmens. Aber sie entscheidet darüber, ob der Geschäftsführer seine Zeit mit Rechnungen verbringt oder mit dem, wofür er eigentlich da ist.

0 Comments
Login or Register to Join the Conversation
Create an AccountLog in