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Die „Timeline of Failure“ – und wie Unternehmen sie durchbrechen
Wenn wir mit Geschäftsführern und Abteilungsleitern im Mittelstand sprechen, hören wir fast immer denselben Satz: „Wir haben KI eingeführt, aber es funktioniert nicht richtig.“ Das klingt nach einem Technikproblem. Ist es aber nicht. Es ist ein Strategie- und Wissensproblem. Und wir sehen es in beinahe jedem Unternehmen, das KI ohne klaren Fahrplan ausrollt.
Dieser Artikel basiert auf unseren Erfahrungen aus über 250 Unternehmenskooperationen, mehr als 150 Tool-Einführungen und direktem Feedback aus Live-Umfragen mit Führungskräften. Was wir teilen, ist keine schöne Theorie – es ist das, was wir in der Praxis jeden Tag sehen.
Reden wir zuerst über die unbequeme Wahrheit. In Meetings, auf Konferenzen und in LinkedIn-Posts klingt es so, als würde jeder mit KI arbeiten. Die Realität sieht anders aus.
Wenn wir die weltweiten KI-Nutzerzahlen aufschlüsseln, zeigt sich: Der absolute Großteil der Nutzer verwendet kostenlose Chatbot-Accounts. Die Zahl der zahlenden Nutzer – also derer, die KI professionell und mit erweiterten Funktionen einsetzen – ist verschwindend gering. Und die Zahl derer, die tatsächlich agentische Systeme einsetzen, also KI, die eigenständig Aufgaben ausführt, liegt im niedrigen einstelligen Millionenbereich weltweit.
Was bedeutet das für den Mittelstand? KI ist bei Weitem nicht so verbreitet, wie wir im Unternehmensalltag annehmen. Und das ist gleichzeitig Chance und Risiko. Chance, weil frühes, richtiges Handeln einen echten Wettbewerbsvorteil bringt. Risiko, weil die Unternehmen, die jetzt falsch starten, nicht nur Zeit verlieren – sondern auch die Motivation ihrer Teams.
Hier wird es für Geschäftsführer richtig unangenehm. Wir müssen uns nicht fragen, ob unsere Belegschaft KI nutzt. Wir können davon ausgehen, dass sie es tut. Die Frage ist nur: Nutzen die Mitarbeitenden unsere KI – mit klaren Regeln und sicherem Rahmen? Oder nutzen sie ChatGPT auf dem privaten Handy?
Wenn Mitarbeitende kostenlose Chatbots mit Unternehmensinformationen füttern – Kundendaten, Strategiepapiere, Vertragsinhalte – dann werden diese Daten direkt zum Training der Modelle verwendet. Bei kostenlosen Accounts ist das per Default eingestellt. Die Informationen gehen an amerikanische Server, unterliegen dem Cloud Act, und wir haben keine Kontrolle mehr darüber.
In unseren Projekten sehen wir das in fast jedem Unternehmen. Mitarbeitende wollen produktiver sein, greifen zu frei verfügbaren Tools und merken gar nicht, dass sie damit ein Datenschutzproblem schaffen. Das ist keine böse Absicht – es ist die logische Konsequenz, wenn das Unternehmen keinen eigenen Rahmen bietet.
Aus unseren Umfragen in Unternehmen, die KI bereits ausgerollt haben, wissen wir: 90 Prozent der Belegschaft hat Zugang zu KI-Tools. Aber weniger als 10 Prozent sagen von sich selbst, dass sie KI produktiv nutzen.
Das ist eine massive Lücke. Und die häufigste Antwort, die wir bekommen, wenn wir fragen „Warum nutzt du das Tool nicht?“, ist: „Ich weiß nicht, was ich damit machen soll.“
Das ist kein Desinteresse. Es ist Orientierungslosigkeit. Die Mitarbeitenden wollen KI nutzen, aber sie wissen nicht wofür, sie bekommen generische Ergebnisse und verlieren schnell die Motivation.
Wir nennen es intern die „Timeline of Failure“, weil wir dieses Muster in dutzenden Unternehmen nahezu identisch beobachten:
Das neue Tool wird eingeführt. Alle sind begeistert. Endlich KI! Die ersten Gehversuche werden gemacht, es gibt positive Resonanz. Die Erwartungen sind hoch.
Die Nutzung geht zurück. Die Mitarbeitenden stellen fest, dass die KI ohne Unternehmenskontext nur allgemeine, oft unbrauchbare Ergebnisse liefert. Wir nennen das intern „generische Rütze“: Antworten, die zwar korrekt klingen, aber nicht auf das eigene Unternehmen, die eigene Branche, die eigene Situation zugeschnitten sind.
Der Hype ist verflogen. Es sind nur noch die Early Adopter aktiv – die technikaffinen Kolleginnen und Kollegen, die ohnehin experimentierfreudig sind. Die restliche Belegschaft kehrt zu ihren alten Prozessen zurück. Und manche greifen eben wieder zum privaten ChatGPT.
Das Management schaut auf die Zahlen. Weniger als 20 Prozent aktive Nutzung im Durchschnitt. Kein messbarer ROI, weil niemand quantifiziert hat, wie KI eingesetzt wird. Die Frage „Wie viel Zeit haben wir gespart?“ lässt sich nicht beantworten. Und intern herrscht Frustration: „KI funktioniert bei uns nicht.“ Die Lizenz wird infrage gestellt.
In unseren Webinaren befragen wir die teilnehmenden Führungskräfte direkt: Was ist aktuell eure größte Herausforderung beim KI-Einsatz? Die Ergebnisse sind konsistent über mehrere Veranstaltungen hinweg:
Mehr als die Hälfte sagt: Uns fehlt das interne Know-how oder die Strategie, wie wir den Rollout produktiv hinbekommen.
Rund ein Viertel sagt: Uns fehlt die Zeit für die Umsetzung.
Rund ein Fünftel sagen: Wir haben nicht die richtigen Tools oder Prozesse.
Null Prozent sagen, es liegt am Budget.
Das ist eine bemerkenswerte Erkenntnis: Geld ist ausnahmsweise nicht das Problem. Es ist das Wissen – das Wie. Und genau das wird in den meisten KI-Einführungen nicht adressiert.
Aus unserer Erfahrung ist der mit Abstand wichtigste Faktor für eine erfolgreiche KI-Nutzung das sogenannte Kontextwissen. Damit meinen wir: die Informationen, die ein KI-System braucht, um nicht generisch, sondern unternehmensspezifisch zu antworten.
Welche Produkte bieten wir an? Wer sind unsere Zielgruppen? Wie sprechen wir mit Kunden? Was sind unsere internen Prozesse? Wie sind wir aufgebaut? Welche Frameworks und Methoden nutzen wir?
Das Problem: Das meiste davon ist nicht dokumentiert. Es steckt in den Köpfen der Mitarbeitenden. Und genau daran scheitern die allermeisten Unternehmen – sie führen ein KI-Tool ein, ohne ihm das nötige Wissen zu geben. Das Ergebnis: Die KI liefert Ergebnisse, die klingen wie ein Wikipedia-Artikel. Das frustriert, das erzeugt negatives Momentum, und das führt direkt in die Timeline of Failure.
Wie durchbricht man dieses Muster? Aus unserer Praxis mit über 250 Unternehmen gibt es ein einfaches Framework, das funktioniert:
Entscheidend ist, womit man startet. Der erste Anwendungsfall muss zwei Kriterien erfüllen: Er muss spürbar Zeit sparen. Und der Aufwand, das nötige Kontextwissen bereitzustellen, muss gering sein.
Konkret: Keinen Use Case wählen, bei dem man erst dutzende Dokumente zusammensuchen, zusammenstellen oder im schlimmsten Fall erst schreiben muss, bevor der Agent überhaupt genug Wissen hat. Stattdessen dort starten, wo bereits Informationen digital vorliegen – etwa im CRM, in bestehenden Vorlagen oder in dokumentierten Prozessen.
Positives Momentum entsteht, wenn Mitarbeitende konkret erleben: Das hat mir gerade 30 Minuten gespart. Nicht in der Theorie, nicht in einer Präsentation – in ihrem echten Arbeitsalltag. Dann erzählen sie es Kolleginnen und Kollegen, dann entsteht Nachfrage statt Pflicht.
Parallel zum ersten Use Case muss von Anfang an klar sein: Es braucht ein Rollen- und Rechtemanagement. Nicht als bürokratische Hürde, sondern als Orientierung. Wer darf was? Wie sensibel sind die Informationen, mit denen ein Agent arbeitet? Welche Daten dürfen in die KI, welche nicht?
In der Praxis funktioniert ein einfacher Ansatz: Einen KI-Agenten behandeln wie einen neuen Mitarbeiter. Ihm eine Position geben – Junior, Manager, Führungskraft – und damit definieren, wie viel Zugang und Autonomie er hat. Das ist nicht nur für die eigene Klarheit wichtig, sondern vor allem, wenn man den Agenten später dem Team zur Verfügung stellt.
Die Unternehmen, die wir begleiten und die erfolgreich mit KI arbeiten, haben nicht das teurere Tool oder das bessere Modell. Sie haben verstanden, dass KI-Einführung kein IT-Projekt ist, sondern ein Veränderungsprozess. Einer, der mit Wissen beginnt, nicht mit Lizenzen.
Die Timeline of Failure lässt sich durchbrechen. Aber nicht mit mehr Features, sondern mit einem klaren Fahrplan: den richtigen Use Case wählen, Kontextwissen aufbauen, Rollen definieren und früh messbaren Mehrwert schaffen. Dann wird aus Frustration Momentum – und aus einem ungenutzten Tool ein echter Wettbewerbsvorteil.


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